Gehören Sie zu den mehr als 400 Millionen Nutzern von Facebook? Falls ja, sind Sie mit dem Phänomen bereits vertraut. Falls nicht, wird Sie das, was jetzt kommt, unter Umständen mit Befremden oder Unglauben erfüllen.
Ein Massenphänomen des Web2.0
In Österreich sind knapp 2 Millionen Menschen – das heißt 24% unserer Gesamtbevölkerung und rund 43% der Onlinenutzer – Teil dieser gewaltigen Community, die erst vor 6 Jahren an der Harvard University ihren Anfang nahm. Das Verhältnis ist dabei zwischen Männern und Frauen fast gleich. (Interessant: Im deutschen Nachbarland nützen bisher vergleichsweise geringe 10% der Bevölkerung und 22% der Onlinenutzer Facebook.) Nur 28% der österreichischen UserInnen sind unter 20. Damit ist dieses “Social Networking”-Tool wohl nicht mehr als Spielerei für ein paar Jugendliche anzusehen. Jedem Unternehmen muss inzwischen klar sein: Dort ist ein Großteil meiner aktuellen oder potentiellen Zielgruppe, also sollte ich auch dort sein. Aber was macht diese enorme Faszination eigentlich aus? Weshalb hat sich die Userzahl innerhalb des letzten Jahres verdoppelt? Warum investieren 50% der aktiven Nutzer mind. einmal täglich ihrer Zeit dafür? Woher kommt dieser Sog, den man in vielen Fällen als echte Sucht bezeichnen muss?
Was tun, wenn mein Status niemanden interessiert?
Der Tag beginnt (oder endet) damit, mal “kurz” reinzuschauen, was die Facebook-”Freunde” so neues zu berichten haben. Jeder der 400 Millionen User ist im Durchschnitt im Monat 7 Stunden online – in über 70 Sprachen. Innerhalb eines Tages kommen da gut und gerne über 300 neue Statusmeldungen zusammen (bei durchschnittlich 130 Kontakten pro User), mit Links, Bildern oder Videos und entsprechenden Kommentaren. Je nachdem wie viele “Fanpages” und Gruppen man noch zusätzlich abonniert hat (durchschnittlich 60), wird das noch um einiges mehr. [Facebook-Statistik] Das geht von belanglosem “bei mir sprießen die ersten Krokusse im Garten” bis hin zu Veranstaltungsankündigungen oder dem subjektiven Kommentar zur Lage der Welt. Klarerweise geht man davon aus, dass irgendwer das auch liest und – bitte – auch kommentiert. Sei es nur mit dem Klick auf den facebooktypischen “gefällt mir”-Button.
Wenn auf diese Weise Interaktion entsteht ist alles gut. Wenn aber kaum jemand reagiert? Ohjeh!
Keiner interessiert sich für mich. Das kann dann schon mal an einem nagen. Dem kann man sich scheinbar kaum entziehen. Da kann dann schon mal passieren, dass immer öfter und immer intimere Statusmeldungen losgeschickt werden, um Aufmerksamkeit und Reaktionen zu erregen. Wenn ich da so mitlesen frage ich mich immer wieder, ob wirklich allen bewusst ist, dass diese Meldungen von jedem ihrer Kontakte gelesen werden können. Wenn dann Eltern mit ihren (erwachsenen) Kindern kommunizieren, Geschwister untereinander Sticheleien austauschen oder enge Freunde ihre häufig ziemlich persönlichen Kommentare posten. Klar: das ist amüsant und erzeugt ein Feeling wie in fremde Fenster zu gucken. Mir scheint aber, dass die Möglichkeiten der Privatsphäreneinstellungen noch nicht von vielen UserInnen genutzt (oder erkannt) wurden. Trotzdem, oder sogar gerade deswegen, will man aber nichts versäumen. Es ist wie eine Daily Soap – aber mit den eigenen echten Kontakten aus dem realen Leben. Ein Spritzer Selbstdarstellung, eine Prise Neugier, eine Schicht Unwissenheit auf einem magnetischen Boden wirksamer Gruppendynamik. Ein offensichtlich schmackhaftes Rezept.
Bitte werde mein Fan!
Nachdem viele UnternehmerInnen ebenfalls dieses Social Media-Tool für ihre Zwecke nützen möchten, haben sich die sogenannten Fanpages inzwischen zu neuen Werbeformen entwickelt. Klassisches Dialog-Marketing kommt nicht mehr so gut an wie früher. Die Spamflut – und die infolgedessen eingesetzten Abwehrfilter – machen die üblichen Wege, per Newsletter KundInnen anzusprechen, inzwischen zur echten Herausforderung. Facebook bietet die Plattform, um KundInnen zu informieren und mit Angeboten zu locken – ohne deren Mailfach zu belasten und mit unerwünschten Zusendungen zu nerven oder von Spamfiltern gelöscht zu werden. Wer möchte kann ganz unverbindlich eine Unternehmens-Fanseite besuchen oder abonnieren und sich die Informationen holen, wenn man Zeit und/oder Interesse hat. Die Kunst ist jetzt, möglichst viele FacebooknutzerInnen über die eigene Fanpage in Kenntnis zu setzten. “Gefällt mir” ist hier das Schlüsselwort. Seit kurzem kann man sogar auf der eigenen Website diese Funktion einbauen und so sehen, ob und wem die angebotenen Inhalte gefallen. Aber im Gegensatz zum Newsletter, sehen das alle anderen Facebook-Nutzer auch. Transparenz einerseits – totale Facebook-Dominanz andererseits. Wer nicht dabei ist kann nicht mitspielen.
Relaxen auf der Farm oder Insel
Apropos spielen: Facebook ist ja im Gegensatz zu überwiegend businesslastigen Communities, wie z.B. XING oder LinkedIn, überladen mit rund 550.000 “Apps”. Großteils von externen Anbietern zur Verfügung gestellte Applikationen, die mit dem täglichen “Glückskeks-Spruch”, Horoskop oder Gruß, nützlichen Werkzeugen aller Art und unzähligen Spielen aufwarten. Da wird gesammelt, verschickt und geteilt, was das Zeug hält. Eines der beliebtesten Spiele ist Farmville, bei dem in relativ drögem Ambiente eine Farm mit Feldfrüchten und Tieren bestellt wird. Der Anreiz ist, dies in Kooperation mit den eigenen Kontakten zu tun. Da kommt Ehrgeiz auf schneller als die anderen neue Level oder Trophäen zu erreichen, oder gemeinsam Quests zu lösen. Varianten davon sind mit tropischen Inseln, Aquarien, Restaurants, Modeboutiquen, Hotels, putzigen Kätzchen oder Elfen, uvm. zu finden. Es gibt Rätsel und Puzzle, Arcade-Spiele, Mafia-Szenarios, Schatzinseln – für jeden Geschmack etwas. Und manche neue Kontakte ergeben sich so einfach nur aus MitspielerInnen. Und wenn die Insel- oder Farmfreunde sich in der Realität treffen wird – verschämt und mit einem gewissen peinlich-berührten Augenzwinkern – über Kühe und Scheunen, Schätze und Energiepunkte debattiert. Außenstehende sitzen mit fassungslosem Unverständnis daneben und verstehen die Welt nicht mehr, wenn erwachsene und seriöse Businessleute zu manisch anmutenden SpielerInnen mutieren. Aber auch das ist Facebook: Spiel und Spaß abseits der Arbeit.
| Facebook ist das neue Primetime – rund um die Uhr Wenn ich es erklären soll, dann würde ich sagen, dass der Mix aus folgenden Komponenten besteht: · persönliche direkte Kommunikation (ohne Weg- und Geschäftszeiten) |
Die Zeit passiver Unterhaltungskonsumation ist endgültig vorbei. Wir möchten uns einbringen, unser Programm selbst aktiv gestalten [Facebook-Aktion "Earth Day" von PBS]. Mit einer gesunden Portion Selbstdisziplin und den Kenntnissen über die richtige Nutzung – ggf. mit Hilfe erfahrener Nutzer oder Beratung – ein wertvolles Tool, um das man in Zukunft wohl nicht ganz herumkommen kann.
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Claudia Salloker
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Claudia Salloker
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Artikel “Ungeteilt auf Facebook? Zwischen Statusmeldung, Fanpage und Farmville”