Durch die enorme Internetdurchdringung, die Globalisierung und das rasant wachsende Medienangebot leben wir zunehmend in einer Informationsgesellschaft.  Ein massiver Umbruch ist in der Medienlandschaft zu erkennen. Fielen in Amerika mehrere Printzeitungen der Finanzkrise zum Opfer, lenkten andere das Ruder noch zeitgerecht um. Durch den ökonomischen Druck, dem viele Medien ausgeliefert sind, müssen die Finanzierungsmodelle neu überdacht und alte Strukturen aufgebrochen werden. Entsteht dadurch ein mediales Spannungsfeld, in dem Berichterstattungen und Publizierungen eine ambivalente Rolle einnehmen?

Erfolgsmagazin im Interview mit Univ. Prof. Mag. DDr. Matthias Karmasin, Ordinarius für Kommunikationswissenschaft und Gesellschafter des Medienhauses Wien

Mediales Spannungsfeld “Informationsgehalt“: Wa(h)re Qualität_Univ. Prof. Mag. DDr. Matthias KarmasinErfolgsmagazin: Durch die enorme Internetdurchdringung, die Globalisierung und das rasant wachsende Medienangebot leben wir zunehmend in einer Informationsgesellschaft. Der Grad seriöse, gute Berichterstattung und Informationen anstatt schlecht recherchierter Artikel und gefärbter Inhalte zu konsumieren, ist schon jetzt oft nicht einfach zu erkennen. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung in diesem Bereich? Wie kritisch werden zukünftig Inhalte wahrgenommen?
Karmasin: Das hängt vor allem von der Medienkompetenz der Menschen ab. Medienkompetenz also die Fähigkeit in der Informationsflut halbwegs sicher zu navigieren wird eine Schlüsselqualifikation der Medien- und Informationsgesellschaft. Medienerziehung, die darauf abzielt Qualität zu erkennen (und u.U. die Bereitschaft fördert dafür auch zu zahlen) wird eine zentrale Aufgabe der Aus- aber auch der Weiterbildung der Zukunft.

Erfolgsmagazin: Viele Medien, vor allem auch im Printbereich, setzten den Rotstift an, kürzten vorhandene Ressourcen, Budgets und Mitarbeiter. Wohin wird uns dieser Umbruch führen?
Karmasin: Eine kürzlich in Wien abgehaltene Tagung des EJO (des Euorpean Journalism Observatory) zum Thema Journalism 2020 hatte eine klare
Antwort: Journalismus als Beruf hat Zukunft, allerdings müssen Trends wie Konvergenz und Social Media angemessen aufgegriffen werden. Daneben ist auch klar, dass Qualitätsjournalismus eine für die Demokratie zentrale Funktion erfüllt (wie es Phil Meyer formuliert: when journalism is in trouble- democracy is in trouble), die Erfüllung dieser Funktion muss der Gesellschaft auch etwas wert sein, und kann nicht nur als „business case“ gesehen werden.

Erfolgsmagazin: Werbung und Marketing greifen oft tiefschürfend in die inhaltliche Aufbereitung und Redaktionsarbeit ein. Der Konsument merkt davon nicht immer zwangläufig etwas davon. Wie entwickelt sich dieses Spannungsfeld Ihrer Meinung nach weiter: In Richtung „Ware Information“ oder schaffen es Medien, die Qualität von „wahrer Information“ zu halten?
Karmasin: 1. Wenn dem so ist, dann widerspricht das sowohl dem PR-Ethikkodex als auch dem Ehrenkodex der österreichischen Presse. Mit seriösem Journalismus und mit seriöser PR hat so etwas nichts zu tun. Beide sind nämlich auf Glaubwürdigkeit angewiesen. Dass es so etwas hin und wieder vorkommt steht außer Frage – die Frage ist: Trägt es zur Qualität von Öffentlichkeit und zur Informiertheit bei oder nicht? Die Antwort liegt – so meine ich – auf der Hand. 2.Das zentrale Gut von Medienmarken ist Vertrauen. Wenn ich bestimmte Grenzen zu oft überschreite, geht dieses Vertrauen verloren; ein Umstand der zumindest für Qualitätsmedien fatal ist. 3.Die Schlüsselfrage ist: Welche Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung will eine Gesellschaft – und dementsprechend sind die Rahmenbedingungen zu gestalten, dies gilt für Mediengesetzte aber auch für Instanzen der Selbstregulierung und Qualitätssicherung.

Erfolgsmagazin: Welche gesamtheitlichen – also ethischen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen – Auswirkungen und Gefahren können Sie festhalten, wenn die Qualität von Inhaltsvermittlungen im Wandel der Zeit immer mehr zur Ware mutiert?
Karmasin: Dass die Kommerzialisierung auch einen Verfall der Öffentlichkeit (verstanden als Arena der vernünftigen Debatte über die res publica) mit sich bringt, argumentiert der Schweizer Soziologe Kurt Imhoff seit Jahren. Mit allen Folgen für die Qualität der politischen Auseinandersetzung, der Meinungsbildung, der Kritik und der Medienmündigkeit. Der sanfte Zwang des besseren Argumentes ist der Skandalisierung und dem Human Interest gewichen. Es muss klar sein, dass die Produktion von Öffentlichkeit nicht nur ein Geschäft ist, und dass eine bestimmte Qualität von Öffentlichkeit auch Geld kostet (dass sich über den Markt nicht völlig verdienen lässt- zumal in einem so hoch konzentrierten und verzerrten wie Österreich).

Mediales Spannungsfeld_Gratis-Medien _Interview mit Univ. Prof. Mag. DDr. Matthias KarmasinErfolgsmagazin: Gratis-Medien sehen sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie nach dem Prinzip „Ware Qualität“ mit ihren Inhalten agieren, weil letzten Endes ja immer jemand – also der Werbekunde – dafür bezahlt, dass die Konsumenten das Medium gratis nützen und beziehen können. Wie sehen Sie das: Vorurteil oder berechtigter Einwand?
Karmasin: Die Frage der Refinanzierung also Vertriebs- versus Webeerlöse ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Qualität. Das Internet bietet genug Beispiele für hervorragenden Content, der ohne Vertriebserlöse angeboten wird- aber eben auch für viel Unsinn. Ähnlich verhält es sich im Bereich der Gratis-Medien im Printbereich. Was aber stimmt: Durch manche dieser Angebote entsteht das Missverständnis, dass man nur mit Human Interest, Skandalisierung und Personalisierung angemessen durch die Welt kommen kann. Es muss schon klar sein, dass Qualität etwas kostet (egal wie diese Kosten refinanziert werden)- wie in jedem andern Bereich des Lebens auch und gerade im Bereich von Medien gilt: „There is no free lunch.“ Wenn man meint, auf Qualität verzichten zu können, dann muss man auch bereit sein, die Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie zu tragen.

Erfolgsmagazin: Muss man nicht sagen, dass auch Kaufmedien einem wirtschaftlichen Druck und Umbruch unterliegen, und auch hier ein kritischer Blick angebracht ist?
Karmasin: Ja der kritische Blick ist angebracht, deswegen ist Qualitätssicherung und Selbstkontrolle, Aus- und Weiterbildung ein zentrales Anliegen von mir. Guter Journalismus ist eine zentrale Voraussetzung für Demokratie, das sollte man nicht vergessen. Medien sind eben kein Produkt wie alles andere.

red.

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Dieser Artikel wurde verfasst am Freitag, April 30th, 2010 um 11:59.
Kategorie: Coverstorys.

 

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