Der Markt der Gratisangebote im Internet wächst rasant, Zeitungen, Lexika, Wörterbücher, Mail-Accounts, Software, Filme, gute Tipps und kreative Ideen – beinahe alles ist „gratis“ zu haben. Geiz ist geil und Gier ist eine lässliche Sünde. Immer mehr – besonders junge – Nutzer erwarten Gratisangebote, sind aber umgekehrt oft auch bereit, ihre Arbeitsleistung und ihr Wissen ohne Bezahlung zur Verfügung zu stellen.
„Umsonst ist das neue Billig.“
Und: „Die neuen Angebote schaffen eine neue Mentalität“. Zu diesem Schluss kam zumindest die 6th European Consumer Trend Conference, die sich Mitte März in der Schweiz dem Thema „Freeconomy“, also der „Gratiswirtschaft“, gewidmet hatte. Doch ist gratis nicht gleich gratis. Der Chefredakteur des amerikanischen Technologiemagazins „Wired“, Chris Anderson, unterscheidet in seinem Buch «Free: The Future of a Radical Price», vier unterschiedliche Arten von gratis:
Die Quersubvention stellt für ihn die erste von vier Arten «gratis» dar. Sie wird zum Beispiel von Telekomfirmen eingesetzt, wenn sie an ihre Abonnenten Mobiltelefone «verschenken».
Bei einem zweiten Typ von «gratis», so Andersen, trägt eine Drittpartei die Kosten; Gratiszeitungen oder Google folgen mit ihrer Werbefinanzierung diesem Modell.
Die dritte Kategorie heißt «Freemium»: Kostenfreie Angebote (etwa Handy-Spiele oder Software) werden durch kostenpflichtige Premium-Varianten (Upgrades und Vollversionen) finanziert.
Als viertes sieht Anderson die nichtmonetären Märkte: Wikipedia, Blogs oder die Geschenk- und Tauschwirtschaft.
Unterschiedliche Branchen gehen mit dieser Entwicklung unterschiedlich um und können von den genannten Modellen mehr oder weniger profitieren. Besonders hart scheint die Gratiskultur die traditionellen Medien zu treffen. Kaum ein Tag vergeht ohne Hiobsbotschaften aus dem Medienmarkt: Reihenweise Einstellung von teils hochrenommierten Titeln, Sparmaßnahmen, Zusammenlegung von Redaktionen, Abbau von Arbeitsplätzen. Mitte der neunziger Jahre war die Medienwelt noch in Ordnung. Zwar begann man soeben, Nachrichten-Inhalte gratis ins Netz zu stellen, aber da gab es noch berechtigte Hoffnung an der munter sprudelnden Geldquelle „Online –Werbung“ richtig gut zu verdienen. So wanderten nach und nach einzelne Artikel und später ganze Medien ins Netz. Man richtete sich ein in der damals noch schönen neuen Medienwelt und platzierte dort meist jene Inhalte, die man für Print ohnehin schon produziert hatte – reiner Mehrwert, kaum Aufwand.
Am Grundprinzip des Medienmachens änderte sich vorerst nichts: der Leser bekam Information, Unterhaltung und Service, und im Umfeld schalteten Unternehmen Werbung und Inserate. Die Erlöse kamen beinahe zur Gänze dem produzierenden Medium zugute.
Wirklich „gratis“ wurden Inhalte aber erst mit dem Auftreten der Suchmaschinen. Der erfolgreichste Anbieter Google zerlegt seither das Internet in seine Bestandteile und setzt es nach eigener Logik wieder zusammen. Inhalte, die von Google hoch bewertet werden, stehen in der Trefferliste weit oben, alle anderen rutschen auf die Folgeseiten. Inhalte traditioneller Medien „matchen“ sich mit Pressetexten, Weblogs und Unternehmensseiten. Der Wettkampf und den „Page rank“ (wie weit oben steht man) und damit auch um die Werbeerlöse begann und wie es derzeit aussieht ist Google – zumindest vorläufig – der große Gewinner.
Ein weiteres Phänomen kommt hinzu: Die Nutzer des Internets entdecken die Möglichkeit, selbst Inhalte zu produzieren. Stellen ihre Fotos und Videos ins Netz, kommentieren Artikel und verfassen selbst welche. Sie schreiben Weblogs, produzieren Videos und vernetzen sich in Foren und Communities. Ihr Lohn heißt Aufmerksamkeit und Anerkennung, Geld wird für diese Inhalte nicht bezahlt, das Web 2.0 ist da. Für die traditionellen Medien wird es eng. Ihre Werbeerlöse sinken dramatisch und sie müssen sich um ihre jungen Leser sorgen, die mehr und mehr ins Netz wandern und denen der Kauf einer Tageszeitung als ein unzeitgemäßer und verschwenderischer Akt erscheint. Bekommt man doch dieselbe Information im Internet. Schnell, gratis und muss dafür auch den Wald nicht abholzen.
Für die Medien hingegen hat sich an den Produktionsbedingungen kaum etwas geändert. Nach wie vor produzieren sie mit hohen Kosten. Journalistische Arbeit erfordert viel Können und ist deshalb gut bezahlt. Zeitungen müssen nach wie vor gedruckt und ausgeliefert werden. Druckerei- und Transportkosten fallen an, nichts davon ist billiger geworden in den letzten Jahren, die Freeconomy ist in den Produktionsbetrieben bisher nicht angekommen. Kollaborative Modelle mit Nutzerbeteiligung und „Bürgerjournalismus“ (also die Einbeziehung Nicht-redaktioneller Mitarbeiter in das Produzieren eines Mediums, indem man deren Fotos oder redaktionelle Beiträge veröffentlicht) haben bisher zwar hier und da zu verstärkter Leserbindung, nicht aber zu kostengünstigerer Produktion geführt.
Doch nun – für viele Medien bereits zu spät – wächst die Unzufriedenheit mit dem „Alles gratis“- Modell, nicht nur auf Medienseite, sonder auch bei den Urhebern künstlerischer und kreativer Leistungen – Fotografen, Designer Autoren, Komponisten – die häufig für ihre Arbeit nicht oder nur mehr unzureichend bezahlt werden. Die Grenze zwischen privater und kommerzieller Nutzung von Inhalten ist im Zeitalter der sozialen Netzwerke mit ihren Millionen Usern kaum mehr zu ziehen. International ist eine Trendwende zu beobachten und immer mehr Verlage versuchen, mit der Gratiskultur im Internet zu brechen.
Eine große Industrie hat bereits gezeigt, wie dem Internet durchaus wieder gute Geschäfte abgerungen werden können. So hielt man die Musikindustrie vor einigen Jahren bereits für verloren, weil das kostenlose Tauschen, Versenden und Vervielfältigen von Musik zum Normalfall wurde. Wer sollte sich jemals noch eine CD kaufen, wenn alles im Internet kostenlos zu haben ist. Doch hier hat eine Kombination aus einem trendigen Endgerät, einem einfachen und funktionierenden Bezahlsystem und dem deutlichen Willen der Industrie, notfalls rechtliche Schritte gegen die Tauschbörsen einzuleiten, die Situation gewendet. Der iPod ist ein Massenphänomen und der iTunes Store ein höchst erfolgreicher Vertriebsweg geworden. Musik wird wieder gekauft, zumindest ein Teil der Erlöse wandert zurück zu den Produzenten und Kreativen, immerhin.
Ähnlich günstig stellt sich die Situation übrigens auch für Spielhersteller dar. Sie bieten häufig freie Demoversionen im Netz an. Das was aber richtig Spaß macht, die unbegrenzte Vollversion ist dann kostenpflichtig und bringt beachtliche Zuwächse. Klassisches Beispiel für ein „Freemium“ –Modell. So unternimmt nun auch die Medienindustrie wieder – vorerst zaghafte – Versuche zu einem Bezahlmodell im Internet zurückzufinden. In Österreich bietet derzeit das Wirtschaftsblatt seine Premiuminhalte nur mehr gegen Bezahlung an. International wagen sich Medien wie die Financial Times oder das renommierte Musikmagazin Rolling Stones in den Bezahlmarkt.
Vielleicht muss aber auch Apple wieder als Retter einer gefährdeten Branche auftreten und mit dem iPad einen neuen Vertriebsweg für die Medien schaffen. Der Ausgang bleibt vorerst ungewiss, denn ob und wie die Generation der „digital natives“ dazu zu bewegen ist, Bezahlangebote im Internet anzunehmen, weiß derzeit niemand.
Karin Thiller
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Artikel “Die Erwartungshaltung der neuen Informations-Generation. – Müssen sich Medien neu erfinden?”