In einer Zeit, in der ich mich auf der Suche nach dem Glück befand, nahm ich an einem Erfahrungskurs teil. Es ging um indianische Rituale. Am Ende des Kurses sollten die Teilnehmer einen Betrag bezahlen, den sie für gerechtfertigt ansahen. Ein so unübliches Belohnungssystem führt natürlich zu Unsicherheiten. Einige Teilnehmer fragten, was denn im Allgemeinen dafür zu zahlen sei. Die Antwort des Seminarleiters: „Was ist euch denn euer Leben wert?“
Diese Antwort hat mich damals sehr amüsiert, und ich finde sie auch heute noch überzogen. Aber es geht in die richtige Richtung. Was ist es überhaupt wert, sich mit dem eigenen Glück und der Zufriedenheit zu beschäftigen? Lohnt sich das? Oder ist es sowieso umsonst? Was bin ich bereit, zu investieren? Wir leben in einer Zeit, in der wir scheinbar alles geschenkt bekommen: Internet-Dienstleistungen und Mobiltelefone, 20% mehr in der Packung und jetzt alles haben können ohne gleich zu zahlen. Die Gesetze der Marktwirtschaft haben sich aber nicht grundsätzlich geändert. Früher oder später muss der Preis für jedes Produkt und jede Dienstleistung gezahlt werden. Wie steht es da mit dem Streben nach Glück? Ist Glück günstig zu haben? Dabei spreche ich nicht vom Zufallsglück. Mit Glück meine ich den erfüllten Glücksmoment und die Lebenszufriedenheit.
Über das Thema, ob „mehr Geld“ gleich „mehr Glück“ bedeutet,
wurde in den letzten Jahren viel geforscht und geschrieben. Daher möchte ich mich hier kurz halten: Existenzängste verhindern tatsächlich Glück und Zufriedenheit. Geld kann eine Existenz sichern. Mit Geld kann man sich Essen, Trinken, ein warmes Plätzchen, Medikamente, Bildung usw. erwerben. Wenn man im Schlamm lebt, zählt jeder Euro. In unserer Lebenswelt jedoch, in der in Supermärkten die Regale überquellen und die Produkte für fast jeden erschwinglich sind, besteht – den Studien nach zu urteilen – keine große Beziehung mehr zwischen Geld und Zufriedenheit. Geld kann Glücksmomente auf unzählige Weise erschaffen – Schokolade, Urlaub, Luxus und was auch immer Sie glücklich macht. Aber die langfristige Lebenszufriedenheit bleibt davon weitgehend unbeeindruckt. Zudem gibt es ebenso unzählige Möglichkeiten, sich des Moments zu erfreuen, ohne dafür viel Geld bezahlen zu müssen – ein schönes Gespräch unter Freunden, ein Kuss zur rechten Zeit, der Blick auf eine Knospe.
„Die wirklich wichtigen Dinge kann man nicht kaufen“, heißt es.
Ist Lebenszufriedenheit also kostenlos? Aber auch das sagt man: „Was nichts kostet ist nicht wert.“ Was ist einem das eigene Glück und die Zufriedenheit also wert? Und da kommen wir auf die entscheidenden Punkt. Kosten und Werte sind eben nicht nur monetär zu sehen. Der Wert des Glücks bestimmt sich durch das eigene Wertesystem und durch den Einfluss der Gesellschaft.
Da gibt es aber ein Problem.
Alle gesellschaftlichen Kräfte, die sich um unser Glück bemühen könnten, sind zu großen Teilen ausgefallen. Politik und Kirche scheinen zurzeit eher die Gegner als die Helfer auf der Suche nach Lebenszufriedenheit zu sein. Auch die Familie ist durch Konsumanspruch und den Anforderungen eines mobilen Arbeitsmarktes zu sehr beansprucht und teilweise nicht vorbereitet auf bestimmte Aufgaben. Wie soll man sich neben Geldverdienen, Haushalt, sozialen Verpflichtungen und zu wenig Schlaf noch intensiv um die Persönlichkeitsstärkung der Kinder und Jugendlichen kümmern? Institutionen wie Schule fühlen sich entweder nicht in der Pflicht für die Unterstützung von Glück und Zufriedenheit zu sorgen oder sind mit anderen Aufgaben wie der immer gedrängteren Wissensvermittlung schon mehr als ausgelastet.
Die Antwort liegt in der Verschiebung der Werte.
Meiner persönlichen Erfahrung nach haben viele Menschen und vor allem Entscheidungsträger noch nicht erkannt, welche Art von Investition sich lohnt, um ein zufriedenes Leben zu erreichen und vor allem, wie wichtig das ist. Nur langsam dringt das Bewusstsein in die Köpfe, dass es durchaus unternehmerisch ist, sich intensiv um die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu kümmern, die Aufgabe der Schule auch sein kann, die Persönlichkeit der Schüler zu stärken, nicht in erster Linie das Wirtschaftswachstum, sondern die Zufriedenheit der Bevölkerung anzustreben. Bei diesen Themen darf man vor Komplexität keine Angst haben. Mit der Zufriedenheit ist es leider nicht so, wie beim Getränkeautomaten: Einen Euro einwerfen, Knopf drücken und schon kommt die Belohnung heraus. Es geht um Investitionen, die verschiedene Bereiche betreffen, ein Leben lang getätigt werden. Was wir brauchen ist eine (wiederkehrende) Diskussion über den Sinn der Dinge – Sinn von politischen Entscheidungen, Sinn von Bildung, Sinn von Mobilität, Sinn von Wirtschaftswachstum, Sinn von Kirche.
Was wir brauchen,
ist ein Bewusstsein für eigene Potentiale und Möglichkeiten, für den Umgang mit persönlichen und gesellschaftlichen Krisen, Bewusstsein für den eigenen Körper, die eigenen Gefühle, Verständnis für die Lebenswelt der anderen. Was kann mehr wert sein, als die Erhöhung der Lebenszufriedenheit für uns und andere? Erst wenn für Sie persönlich und für die gesellschaftlichen Kräfte der empfundene Wert des Glücks hoch ist, gibt es die Bereitschaft, Ressourcen zu investieren: das sind vor allem Zeit und Geld. Ja, in diesem Sinne kostet Glück und Zufriedenheit etwas und ist es wert. Die Angebote hierfür stehen häufig schon zur Verfügung. Sie wollen genutzt und gefördert werden. Schulen denken über neue Konzepte nach. Das Fritz-Schubert-Institut hat es sich zur Aufgabe gestellt, das „Schulfach Glück“ im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Dort werden Jugendliche unterstützt, für sich selbst die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben zu schaffen.
Es gibt immer mehr Erwachsenen-Kurse für Persönlichkeitsstärkung, Sinnfindung oder Meditation.
Im Wellness-Bereich für Urlaub und Freizeit findet man gelegentlich schon Ansätze von Well-Being also Angebote für Lebenszufriedenheit. Reha-Kliniken fangen an, nach einem Unfall nicht nur den Körper der Patienten wieder herzustellen und zu stärken, sondern auch deren Selbstbewusstsein. Unternehmen denken immer häufiger in den Bereichen Personal und Außendarstellung über ihr Image und den Umgang mit und Föderung von Mitarbeitern nach. Meine Hoffnung ist, dass der Wert für Glück und Zufriedenheit steigt, und dass immer mehr Menschen bereit sind, dort zu investieren. Ist das Streben nach Glück und Zufriedenheit umsonst oder kostenlos? Ganz sicher nicht. Aber es lohnt sich.
Dominik Dallwitz-Wegner

PoINT – positive intelligence
Dominik Dallwitz-Wegner
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Artikel “Ist Glück billig, umsonst oder kostenlos?”