Ein Stigma ist eine Art "Makel", etwas zu "stigmatisieren" heißt, etwas mit einem Makel zu versehen. Homosexualität ist (noch?) stigmatisiert. Daran gibt es keinen Zweifel. Ob es jemals gelingen wird, dieses Stigma zu beseitigen, ist fraglich. Denn der Mensch scheint einen Hang zur Stigmatisierung von Minderheiten zu haben und homosexuelle Männer sind eine Minderheit und werden auch eine Minderheit bleiben.
Das Stigma lebt.
Der Fortschritt der letzten Jahre besteht darin, dass Homosexualität toleriert wird, akzeptiert ist sie noch lange nicht.
Die Themen rund um die männliche Homosexualität beschäftigen die Sexualmedizin mehr als es ihr lieb ist. Denn die Vorraussetzungen für eine Normalisierung wären geschaffen. Homosexualität ist keine Krankheit mehr und gilt als „normal“, zwar innerhalb einer Minderheit, aber doch mit fixen prozentuellen Anteilen in allen Kulturen und allen Gesellschaftsschichten. Ein weiteres Merkmal der Homosexualität ist ihre Unveränderbarkeit. Es gilt als erwiesen, dass Homosexualität nicht geheilt werden kann, nicht die Homosexualität selbst, sondern jeder Versuch einer Therapie macht den homosexuellen Mann zum Patienten, pathologisiert ihn! Eine Therapie der Homosexualität kann nur affirmativ sein, bestärkend im Willen sie auch zu leben.
Jeder Mensch möchte sein dürfen, wie er ist.
Jeder Mensch – unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung – möchte so sein dürfen wie er ist. Er sucht nach Akzeptanz. Das ganze Leben dreht sich um nichts Anderes als der Suche nach Akzeptanz, letztlich auch in der Beziehung und bei der Liebe.
Selbstverleugnung und Selbstbetrug können nicht glücklich machen. Die durch Lüge erzwungene Akzeptanz steht auf hölzernen Beinen, sie ist wertlos, denn sie ist durch Lüge herbei geführt.
Homosexualität noch immer als “abnorm” beurteilt.
Dennoch wird Homosexualität von einer breiten Öffentlichkeit als „abnorm“ beurteilt, der schwule Mann wird defizient erlebt? Das Streben nach Akzeptanz artet daher bei schwulen Männern in einen Kampf um Akzeptanz aus, der das gesamte Leben beherrscht. Dieser lebenslange Stress hinterlässt seine Spuren in Störungen des Selbstwertes und der Psyche.
Gefährdung psychischer Gesundheit.
Nicht alle schwulen Männer bringen den Mut auf, sich der Wahrheit ihrer „Andersartigkeit“ zu stellen. Schon Sigmund Freud beschrieb mehrere Wege, in welcher Weise Homosexualität „abgewehrt“ werden kann. Sie kann verdrängt, gewendet, verleugnet oder sublimiert werde, die Folgen dieser Abwehrmechanismen sind in jedem Fall Depressionen und Neurosen. Wir wissen, dass schwule Männer in ihrer psychischen Gesundheit gefährdet sind. Bereits in der verletzlichen Phase des Coming-Out ist der noch meist sehr junge und sensible Mann gefordert. Unter dem „Coming-Out“ versteht man das "Sicheingestehen" der eigenen (andersartigen) sexuellen Orientierung. Männer, die auf Frauen stehen, haben kein Coming-Out, denn das ist ja normal, ist selbstverständlich.
Sexualwissenschaft lässt keinen Zweifel daran, dass Homosexualität per se kein krankmachendes Potenzial besitzt.
Der schwule Mann muss nicht nur seine eigene Sexualität erkennen und akzeptieren lernen, er ist gezwungen, sein engstes soziales Umfeld damit zu konfrontieren, und erntet nicht selten gerade dort Misstrauen und Ablehnung, wo er es am wenigsten vermuten würde: in der eigenen Familie? Die Sexualwissenschaft lässt keine Zweifel daran, dass Homosexualität per se kein krankmachendes Potenzial besitzt. Es ist die Stigmatisierung durch die Gesellschaft, die androphile Männer (das sind Männer, die auf Männer stehen) krank macht. Dieses ewige „Verleugnen“, „Sich-Erklären-Müssen“, „Ringen um Akzeptanz“, lässt aus dem Bewusstsein „anders“ zu sein den Eindruck entstehen, „krank“ zu sein?
Unterschiedliche Strategien.
Schwule Männer reagieren auf diese Herausforderung mit unterschiedlichen Strategien. Die einen treten die Flucht nach vorn an, betonen Ihr „Anderssein“ mit allen damit verbunden Risken zur Demütigung, viele entscheiden sich für eine Art Doppelleben mit dem Risiko daran zu scheitern, die meisten flüchten sich in die Verleugnung und gehen heterosexuelle Beziehungen ein. Dabei wissen wir, dass schwule Männer „ihre“ sexuelle Orientierung akzeptieren und auch leben müssen, um die Chance auf ein „glückliches“ Leben wahr zu nehmen. Dies gelingt umso besser je mehr ein Mann zu sich selbst steht und je verlässlicher der Freundeskreis ist. Die beste Voraussetzung für Lebensglück ist natürlich eine tragfähige Partnerschaft. Sie zu finden ist dank moderner Medien nicht mehr so schwierig wie früher, sie zu leben aber ist genau so schwierig, denn eine Partnerschaft braucht eine institutionelle Dimension um überleben zu können, und die ist gleichgeschlechtlichen Pärchen häufig verwehrt.
„Eine Gesellschaft ist dann anständig, wenn ihre Institutionen die Menschen nicht demütigen!“ sagt der Moralphilosoph Avishai Margalit.
Unsere Gesellschaft ist davon noch meilenweit entfernt!
Dr. Georg Pfau
Dr.med. Georg Pfau
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Artikel “Psychische Leiden unterm Regenbogen”