Am 20. Jänner 2010 gaben Exponenten der wahlwerbenden Gruppierungen Antworten auf die Fragen der agpro (austrian gay professionals) und der über 50 ZuhörerInnen zum Thema Gay, Lesbian, Bisexual and Transgender (GLBT) in der Wirtschaftskammer. Am Podium saßen Dr. Christoph Matznetter – Wirtschaftsverband / Vizepräsident der WKÖ, KommR Dr. Paulus Stuller – Wirtschaftsbund Wien / Vizepräsident der WKW, Manuel Bräuhofer – Die Grüne Wirtschaft / Diversity Sprecher und KommR Karl Ramharter – Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender / Vizepräsident der WKW. Moderator Udo Geske (agpro) stellt fest: Die Wirtschaftskammer vertritt ca. 400.000 UnternehmerInnen, davon sind schätzungsweise 5-10% GLBT, das bedeutet das ca. 20.000 – 40.000 UnternehmerInnen einer bislang kaum umworbenen Zielgruppe zugehörig sind.
Dr. Matznetter meint, dass es noch viel zu tun gibt, um eine Gleichstellung zu erreichen. Er sieht in der Vernetzung der Gruppen eine gute Chance am Weg zur Gleichstellung. Dem widerspricht Manuel Bräuhofer, der vor einer Ghettoisierung der GLBT-Gruppen warnt. Karl Ramharter sieht Probleme in der Linie der FPÖ zu GLBT und verweist auf die Eigenständigkeit seiner Gruppe. Für ihn sei GLBT normal. Er kann sich auch ein Adoptionsrecht vorstellen. Dr. Stuller wiederum nimmt die Diskussion als Anstoß mit der Präsidentin Jank über eine Anti-Homophobie Kampagne zu sprechen, und verweist auf Initiativen wie bspw. den meritus (lesbisch schwul ausgezeichnet). Bräuhofer meint, dass GLBT die gleichen Bedürfnisse wie alle anderen in der WK haben. Das Podium ist sich einig darüber, dass die Wirtschaftskammer viel zur Aufklärung beitragen kann und muss. Dr. Matznetter möchte hier die Mitglieder der WK auch auf gesetzliche Regelungen zur Antidiskriminierung (z.B: Wohnungsvergabe) aufmerksam machen.
Lesen Sie hier eine Zusammenfassung und Auszüge aus der Diskussion:
Auf die Fragen „Sind GLBT Unternehmen eine umworbene Zielgruppe? Welche Initiativen gibt es dahingehend?“ antworteten die Podiumsgäste zusammenfassend:
- Dr. Paulus Stuller verweist auf die WKW als Vorzeigebeispiel. Neben einem Diversity Referat gibt es auch Unterstützung für Initiativen wie bspw. meritus (www.meritus.or.at) und ähnlichen. Die Vielfalt wird in der Wiener Wirtschaft geschätzt.
- Für Dr. Christoph Matznetter gibt es menschenrechtswidrige Diskriminierungen in diesem Bereich und eine Reihe von Benachteiligungen wie fehlendes Recht auf Adoption, kein Standesamt etc.. Außerdem sind GLBT in vergleichbare Situation wie andere Minderheiten benachteiligt, z.B. bei der Kreditvergabe. Er sieht in der Vernetzung der Gruppen im Moment eine gute Möglichkeit gegen Ausgrenzung anzukämpfen und unterstützt das.
- KomR Karl Ramharter sieht sich als liberaler Freiheitlicher. Er kann sich als Taxiunternehmen seine Gäste nicht aussuchen. GLBT sind hier sehr angenehme KundInnen. Den Stil seiner Partei im Umgang mit GLBT kann er nur bedingt mittragen. Die WKW hat keine eigene Abteilung für GLBT und das findet er auch nicht notwendig „Für mich ist das normal“. Wo eine eigene eingetragene Partnerschaft bereits möglich ist, hat sich die Situation im Vergleich zu früher gebessert.
- Manuel Bräuhofer stellt sich nicht nur als Vertreter der Grünen Wirtschaft sondern auch als Unternehmer der Diskussion. Er möchte von Menschen sprechen und nicht von KundInnen, die angenehm sind. GLBT haben dieselben Bedürfnisse wie alle anderen in der WK: Steuerentlastung, Kreditvergabe, es braucht das Bewusstsein, dass wir alle gleich sind.
FRAGE: Was ist das Konzept?
Matznetter: Es gibt mehrere Gruppen, es ist wichtig, diese zu vernetzen. Man muss anfangen miteinander zu arbeiten und sich Hilfestellung zu geben. Wir werden aber nicht in den Zielgruppen fischen, sondern unser Programm spricht für sich.
Ramharter: Die Wirtschaft zwingt uns zu Interkulturalität. Ganze Berufsgruppen würden wegbrechen.
Stuller: Probleme als Unternehmer sind gegeben. Zeichen gegen Ausgrenzung sind zu setzen. Wir brauchen Diversity und freuen uns, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Als Wirtschaft tun wir uns mit dem Thema GLBT leichter, denn Wirtschaft ist bunt.
Bräuhofer: Es gilt Normalität zu schaffen. Es interessiert niemand, was ich und wer ich bin.
FRAGE: Gibt es interne Betriebsvereinbarungen in der WK? Was gab oder gibt es da zur Gleichstellung von GLBT? Gab es bspw. Pflegefreistellungen?
Stuller: Die Gesetze wurden und werden befolgt. Das Diversity Referat wird neue Ideen aufnehmen und mitverarbeiten.
Ramharter: Es sollten Anträge der GLBT eingebracht werden. Die Rechte von GLBT sollen gleichgestellt sein. Die Partnerschaft ist eine Ehe, die Rechte und Pflichten sind gleich.
Stuller: Wir unterstützen die Initiativen um Bewusstsein zu schaffen, z.B. meritus, den DiversCity Award und verschiedenen Netzwerke.
FRAGE: Welche konkrete Maßnahmen und Konzepte werden für die Zukunft angedacht? Warum soll ein Schwuler oder eine Lesbe eine bestimmte Interessensgruppe in der WK wählen?
Bräuhofer: Es ist noch viel zu tun. Wir sind alle gleich und müssen aufhören Gruppen zu bilden. Als Schwuler gehe ich nicht zum schwulen Bäcker, oder schwulen Arzt. Wir wollen die Demokratie stärken um die Übermacht des Wirtschaftsbundes zu kippen.
Ramharter: Vielleicht gibt es mehr GLBT als wir glauben, aber mit dem Outing sind wir noch nicht so weit. Wählen Sie jene von denen sie glauben, dass sie ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten.
Matznetter: Wir kommen bei den Frauen nicht um die Quote herum, und es werden auch andere Minderheiten kommen, die dahingehend geregelt werden müssen. In 5 Jahren soll die eingetragene Partnerschaft vollständig reformiert sein. Netzwerke müssen kein Getto sein, sie sollen helfen, denn Selbstorganisation ist wichtig, politische Manifestationen sind wichtig und auch das ist Vernetzung.
Diese Veranstaltung wurde agpro – austrian gay professionals – initiiert. agpro richtet sich an schwule und bisexuelle Führungskräfte und Unternehmer. Als Verein und Netzwerk werden Mitglieder in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung unterstützt. Ein Ziel ist es, darüber hinaus Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken, die zu einer Akzeptanz und Gleichstellung gleichgeschlechtlich liebender Menschen führen. Einen Schwerpunkt wird bei diesem Anliegen auf das berufliche Umfeld gesetzt.
agpro ist in den letzen Jahren stark gewachsen. Genauso erfolgreich war die Vernetzung auf europäischer Ebene. Unter dem Dachverband EGMA, dessen Gründung 2005 in Wien unterzeichnet wurde, gibt es derzeit sieben schwule und lesbische Professionalsvereine mit mehr als 2000 MitgliederInnen. agpro ist überparteilich, aber politisch engagiert. Mit den gesellschaftspolitischen Aktivitäten setzt agpro verstärkt auf Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying und Aufklärung in Unternehmen. Homosexualität ist ein Status, den man nicht selber gewählt hat. agpro setzt sich ein, dass dieser nicht zu gesellschaftlichen, beruflichen oder politischen Nachteilen führt.
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