Wohnen Sie noch oder leben Sie schon? L‘Oréal, zeigt Ihnen, dass Sie es sich wert sind? Dank AXE können Sie unbeschwert Ihre Frau umarmen und seit Denim wissen Männer, was Frauen wollen? Macht Ihnen Hausarbeit mit Vanish Oxi Action nicht einfach Spaß? Und ist Meister Proper nicht schon zu einem liebgewonnen Generationen- Freund geworden, mit dem einfach alles leichter von der Hand geht? Sie ist doch wunderschön: UNSERE Welt der Werbung. Hier finden wir alles, was uns zufriedener, glücklicher, schöner, erfolgreicher und perfekter macht.
Wer kennt sie nicht, all diese herrlichen 30 Sekunden Welten, zu denen wir uns verbunden fühlen, als würden wir in eine Daily-Soap einsteigen und abtauchen. Sie erzählen uns Geschichten und lassen uns am Geschehen Teil haben. Aber Werbung ist um den ausschlaggebenden Tick besser. Nicht nur, dass uns der Hausverstand in die Haushalte von Frau und Herr Österreicher schauen lässt, und uns die Familie Putz seit 1999 begleitet. Oder das kleine Schweinderl von Ja! Natürlich die Herzen von Jung und Alt höher schlagen lässt und frei Haus die tägliche Kurzversion von Schweinchen Babe bietet. Nein! Wir bekommen direkt eine Lösung, die unser Leben besser, einfacher – und uns glücklicher macht?
Erfolgsmagazin im Interview mit dem
renommierten Glücksforscher Dominik Dallwitz-Wegner,
der das Thema Glück aus dem Blickwinkel der Werbung beleuchten wird.
Erfolgsmagazin: Glück ist eine sehr individuelle Empfindung. Wie Sie uns bereits in einem Interview zum Thema “Glück gegen Stress und Burn out“ erklärten, gibt es keine allgemein gültige wissenschaftliche Erklärung, mit der man „Glück“ in ein Korsett zwängen kann. Was prägt nun aber unser Glücksempfinden? Bzw. ab welchem Entwicklungsstand spielt Glück für uns eine Rolle?
Dallwitz-Wegner: Wie Sie selbst wissen, unterscheidet sich Ihre persönliche Glücksvorstellung von der, der anderen. Diese Erfahrung macht jeder von uns, wenn wir mit anderen über das Glück sprechen. Das hat auch mit der Prägung zu tun. In welcher Art wir Glück empfinden, und wodurch es ausgelöst wird, hat viele Quellen: Unsere Gene, pränatale und frühkindliche Erfahrungen, unsere Sozialisation (also Erziehung usw.) und unsere Lebenserfahrung.
Philosophisch gesprochen, prägt uns das Glück seit Jahrmillionen der Ursuppe evolutionärer Entwicklung, bis hin zum Menschen. Ganz praktisch jedoch fängt es mit unserer Geburt an. Die Wissenschaft hat hier noch Forschungsstoff für Jahrzehnte. Es sind noch unzählige Fragen unbeantwortet, wie wir unsere Kinder bestmöglich gebären oder in den ersten Jahren aufziehen sollen. Handgreiflicher wird es ab dem Schulalter. Hier gibt es bereits gute Konzepte zur Vermittlung von Glück – wie das von Ernst Fritz-Schubert (Stichwort „Schulfach Glück“).
Erfolgsmagazin: Welche Rahmenbedingungen und Einflüsse beeinflussen unser Glücksempfinden fortwährend?
Dallwitz-Wegner: Auch hier zeigt sich wieder, warum wir schon so lange in der Menschheitsgeschichte über Glück reden. Grundsätzlich gibt es zwei große Einflussbereiche: Erstens unser Lebensumfeld – angefangen von Freunden, Familie, Beruf – bis hin zur finanziellen Situation. Weiters ist Glück von unseren persönlichen Zuständen abhängig. Also wie es uns körperlich, intellektuell und emotional geht. In den Glücksgesprächen, die ich führe, zeigt sich bei jedem Einzelnen eine ganz persönliche Sammlung von Glücksfaktoren und deren Rangliste. Schreiben Sie doch einmal auf, was für Sie die mindestens 10 wichtigsten Umstände für Glück sind. Bitten Sie Ihre Freunde, das Gleiche zu tun. Sie werden sehen, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt, aber jede Mischung aus Glückseinflüssen und deren Reihenfolge einzigartig ist.
Erfolgsmagazin: Kann Glück denn nur durch die Veränderung des Lebensumfeld beeinflussen?
Dallwitz-Wegner: Wir sind natürlich von den äußeren Gegebenheiten abhängig. In Kriegsgebieten ist es schwerer, Humor zu haben. Aber in Gesellschaften, in denen man nicht mehr weiß, was man dem anderen zum Geburtstag schenken soll, werden wir bereits mit allem versorgt, was wir für das Glück brauchen. Die fast ausschließliche Mehrheit der hier Lebenden braucht sich keine Sorgen zu machen, zu verhungern, zu verdursten und kann sogar viele Bereiche des Lebens selbst beeinflussen. Beispielsweise durch politische Wahlen, Berufswahl, Freizeit usw. Dann geht es v.a. um unsere eigene Einstellung.
Mehr Infos: www.gluecksakademie.de und im Fachblog von Dominik Dallwitz-Wegner
Erfolgsmagazin: Hängt das Glück dann ganz alleine von unseren individuellen Wünschen und Bedürfnissen und deren Befriedigung und Stillung ab?
Dallwitz-Wegner: Ohne Fahrrad können Sie keine Radtour machen. Aber stellen Sie sich vor, das Rad steht vor der Tür, um Sie herum sind Radwege angelegt und Ihnen wird noch eine Straßenkarte in die Hand gedrückt. Jetzt ist es allein an Ihnen, ob Sie das Angebot nutzen und sich selbst in Bewegung setzen. Für uns, die wir in Ländern wie Österreich oder Deutschland im gemachten Nest sitzen, liegt es tatsächlich vor allem an uns selbst, ob wir die Flügel ausbreiten und uns hin zu mehr Glück zu bewegen.
Erfolgsmagazin: Werbung weckt Wünsche und Bedürfnisse und gibt uns unmittelbar die Lösung, wie wir unseren Bedarf decken können. Durch diese Lösung sind wir entspannt. Erleben wir durch Werbung Glücksmomente?
Dallwitz-Wegner: Wenn langweilige Werbung über Produkte, die mich nicht interessieren, meinen Lieblingsfilm unterbricht, möchte ich eher von Unglücksmomenten sprechen. Andersherum geht es natürlich auch. Werbung kann glücklich machen.
Das relativ neue Feld des Neuro-Marketings zeigt uns deutlich, wie die sogenannten Stimuli, z.B. schöne Bilder, emotionale Botschaften oder Musik usw., unser Gehirn „schwingen“ lassen. Wenn uns die richtige Werbung im richtigen Moment trifft, macht sie uns durchaus für einen kurzen Moment glücklich. Sie haben das sicher schon unzählige Male erlebt.
Erfolgsmagazin: Reagieren wir nur auf Werbung die unserem aktuellen Glückstreben entspricht oder werden durch sie neue Aspekte geweckt, die uns vormachen, dass es uns dann noch besser geht. Wir noch glücklicher sind?
Dallwitz-Wegner: Die Grundmotivatoren des Menschen haben sich seit Zehntausenden von Jahren wohl nicht verändert. Stellen Sie sich die Schlagzeile vor: „Neben Hunger, Durst, Sex und Sozialer Anerkennung jetzt neues Bedürfnis entdeckt!“. Auch Werbung kann keine neuen Bedürfnisse schaffen. Der Segen wie der Fluch besteht darin, dass unsere Grundbedürfnisse auf so vielfältig Weise gestillt werden können. Hunger ist eben nicht alleine durch Spaghetti zu besiegen. Werbung verspricht uns immer wieder auf unterschiedliche Weise, unser Glücksstreben zu erfüllen: Nach dem Motto „Nur noch dieses eine Produkt und es wird dir gut gehen“. Das bringt uns kurzfristige Glücksmomente, aber an unserer Lebenszufriedenheit wird sich durch Konsum nichts ändern.
Stellen Sie sich die Schlagzeile vor: „Neben Hunger, Durst, Sex und Sozialer Anerkennung jetzt neues Bedürfnis entdeckt!“.
(Dominik Dallwitz-Wegner)
Erfolgsmagazin: Welcher Methoden, Klischees und Scheinwelten bedient sich die Werbung um unsere Glücksmechanismen zu aktivieren?
Dallwitz-Wegner: Ganz grob gesprochen versucht Werbung – also Anzeigen oder Werbespots, emotionale oder rationale Botschaften zu vermitteln. Diese machen uns aufmerksam und wecken unser Interesse, dieses Produkt haben zu wollen. Idealerweise verbindet Werbung die gezeigten Produkte mit Emotionen, die dann wieder aufgerufen werden, wenn man das Produkt im Geschäft sieht. Zeigen Sie ein Plakat mit einer nackten Frau auf einer Motorhaube und die meisten Männer werden hinsehen. Es wird ein Grundmotiv – Sex – angesprochen, das das erste Ziel „Aufmerksamkeit schaffen“ erreicht. Vermitteln Sie, dass die Männer durch dieses Auto für die gezeigte Frau und noch viele andere Frauen dieser Welt attraktiv werden, und Sie haben das emotionale Versprechen geschaffen. Wenn die Konsumenten dann am Schaufenster des Autohändlers vorbeigehen, und das Auto sexy finden, haben Sie es fast schon geschafft. Jetzt muss nur noch gekauft werden. Dieses Beispiel wird der Wirklichkeit natürlich nicht gerecht. Werbung und deren Wirkung ist wesentlich komplexer. Aber vielleicht haben Sie einen ersten Eindruck gewonnen.
Erfolgsmagazin: Kompensieren wir also mit Werbung einen Teil unseres Glücks?
Dallwitz-Wegner: Das wäre für die Menschheit aber auch die Werbeindustrie tragisch. Werbung soll ja in der Regel die Wirkung erzielen, dass danach etwas folgt bzw. etwas Reales gekauft wird. Sie hat die Aufgabe, Vorfreude zu kreieren, die uns späteres Glück verspricht. Werbung schmiert den Motor der Tretmühle, damit wir freudig weiterlaufen. Wie schon gesagt, ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden, wenn wir wissen, dass der hedonistische Glücksmoment nur ein Teil des Glücks ist.
Erfolgsmagazin: Kann man sagen, dass sich Glücksmomente und Werbung wie ein Magnet bedingungslos anziehen?
Dallwitz-Wegner: Ein interessanter Gedanke. Vielleicht ist Glück der Magnet und die Werbung das Metall, das davon angezogen wird.
Erfolgsmagazin: Wann erleben wir Glück als Schein, und wann ist es Sein?
Dallwitz-Wegner: Empfundenes Glück ist immer „Sein“. Wer sollte sich anmaßen zu behaupten, dass Ihr Glücksmoment eigentlich keiner ist. Aber häufig machen wir uns falsche Vorstellung von dem Glück der Vergangenheit oder dem Glück der Zukunft. Aus unterschiedlichen Gründen verschätzen wir uns darin, was wir tun müssen, um glücklich zu sein. Wir bauen uns häufig unsere eigene Scheinwelt und werden darin z.B. von der Werbung unterstützt.
Erfolgsmagazin: Was ist Ihr persönlicher Tipp für unsere LeserInnen, sich durch Werbung nicht in eine Scheinwelt mit kurzfristigen Glückmomenten ziehen zu lassen?
Dallwitz-Wegner: Gut gemachte Werbung dürfen Sie gerne genießen wie eine schön erzählte Geschichte. Viele Menschen haben sich die Mühe gemacht, z.B. einen Werbespot zu gestalten und herzustellen.
Mein Tipp: Wenden Sie sich aber auch anderen Dingen zu: Wie sozialen Kontakten, Ihren eigenen Bedürfnissen und Stärken. Entdecken Sie Wege, besser mit Krisen zurecht zu kommen, finden Sie Sinn im Leben. Trainieren Sie diese Fähigkeiten. Das macht Sie stark, langfristig zufrieden und unabhängig von Scheinwelten.

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Artikel “Glücksmoment „Werbung“ – Schein oder Sein?”